Strömung

Runter. Schnell das Plateau auf 18m unter Dir erreichen, einen höher stehenden Fels oder Stein suchen und Dich daran in die Strömung hängen. "Ok, klar...", denkst Du, und wagst trotzdem einen Blick ins tiefe Blau rechts von Dir - hier am Rande des Atolls hast Du gute Chancen etwas Großes zu sehen.
Doch sofort, als Du merkst, dass die Strömung nach Dir greift, richtest Du Deine Konzentration wieder nach unten.

Wie ein Fähnchen hängst Du auf dem Plateau in der Strömung. Entspannung.
Ein riesiger Korallengarten erstreckt sich vor Dir. Hunderte kleine Fische flitzen zwischen den bunten Gorgonien und Korallenblöcken hin und her - unberührt vom Sog des Wassers.
Dein Buddy gibt Dir das Zeichen jetzt über die Kante des Plateau hinunter zu den Balkonartigen Höhlen zu schwimmen. Du schaust Dich noch einmal um, suchst nach dem zweiten Tauchpaar, das sich für diesen "anspruchsvollen Strömungstauchgang" entschieden hat, aber Du siehst sie nicht. "Anspruchsvoll", denkst Du und lächelst in Dich hinein - "klar..." Auch als Du weiter unten zwischen den beiden Faros in den ersten Wasserwirbel gerätst, bleibst Du noch völlig entspannt.

Links von Dir taucht auch schon die erste Einbuchtung in der Felswand auf. Du siehst, wie Dein Buddy drinnen schwerelos schwebt und nicht mehr gegen die Strömung ankämpft.
Rein. Es ist ruhig. Du schaust Dich um - fast ein bisschen enttäuscht. Sand und Korallenschutt am Grund des Balkons, nahezu kahler Fels links an der Wand und über Dir. Nur oben am Rand, rechts zum Blau hin, wachsen wunderschöne Weichkorallen. Klein, größtenteils rosa, orange und weiß.

Treppenartig, durch schmale Spalten, sind die Balkone miteinander verbunden. Du gelangst vom ersten in den nächsten tiefer liegenden, ohne, dass Du die schützende Einbuchtung verlassen musst.
"Anspruchsvoll?", denkst Du wieder und beschließt, diesen Tauchgang ganz einfach als eine Tarierübung zu nutzen - denn viel zu sehen gibt es hier nicht. Den Fotoapparat hast du längst ausgeschaltet unter den Arm geklemmt.

Bei 36m ist die letzte Höhle erreicht und Du willst gerade hinter Deinem Buddy ins Blau hinaus, als Du siehst, wie er dort draußen anfängt zu kämpfen. Eine scheinbar unsichtbare Hand zerrt an ihm. "Strömung ja, aber so stark?" denkst Du, als Dein Buddy sich gerade wieder in die Höhle hineingekämpft hat. Er gibt Dir Zeichen, den gleichen Weg zurück zu nehmen, den ihr gekommen seid und erst bei der obersten Höhle zurück auf das Plateau zum Sicherheitsstopp zu schwimmen.
"Toll, noch weniger zu sehen..." denkst Du, fast ein bisschen vorwurfsvoll. Aber Dein Buddy ist nicht nur Instruktor, sondern lebt auch noch hier, daher vertraust Du auf seine Erfahrung und schwimmst brav zurück.

Du bist jetzt vorn. Es bleiben noch zwei oder drei Höhlen bis Du oben heraus schwimmen kannst. Du schaust nach unten auf Dein Fini und denkst, dass Du zwar weniger Luft hast, als sonst, aber Dir noch keine Gedanken machen musst, als sich plötzlich die Decke der Höhle unter Dir befindet. Und jetzt bist Du froh, dass in diesen Höhlen keine Korallen oder Fische leben, denn wie ein paar Socken, werdet ihr beide von der Strömung herumgewirbelt. "Wie in einer großen Waschmaschine", geht es Dir durch den Kopf. Oben ist unten. Unten ist oben. Du fängst an zu Schnaufen, um bei der Anstrengung auch nur ansatzweise die Kontrolle wiederzuerlangen.
Vorwärts, letzte Höhle. Oben... unten... - endlich raus. Strampeln, über die Plateaukante. Wahnsinn, die Strömung zerrt Dich erbarmungslos über die bunte Korallenlandschaft. Keine Zeit sich einen Fels zu suchen - keine Chance. Krampfhaft strampelst Du, um nicht vollends über das Plateau geblasen zu werden, als Dein Buddy Dich an einer Flossenspitze packt und Du abrupt zu Halten kommst. Irgendwie hat er es geschafft, sich und Dich an einem winzigen Felsblöckchen anzudocken.

Irgendetwas hatte doch gepiept - klar, Dein Computer. Ok, entspannen - durchatmen, locker werden. "Anspruchsvoll?" denkst Du, "JA!"
Erschrocken starrst Du Dein Fini an - noch zwei Sicherheitsstopps und das mit so wenig Luft. Du hast jetzt schon mehr Luft gebraucht, als jemals bei irgendeinem Tauchgang zuvor.
Du gibst Deinem Buddy das Zeichen und ärgerst Dich, als er den Lungenautomaten aus dem Mund nimmt, Dich breit angrinst und Dir dann auch noch zuzwinkert. Toll, zum ersten Mal hängst Du nun an einer fremden Luftquelle - ärgerlich. Und noch ärgerlicher ist eine Frage, die in den tiefen Deines Hirns herumschwirrt und sich seltsamerweise wie "Selbstüberschätzung?" anhört.

Beim letzten Stopp hängst Du 5m unter der nahezu glatten Wasseroberfläche, die nur durch die starke Strömung unten gekräuselt ist. Mit Deiner eigenen, noch spärlich vorhandenen Luft und dem immer noch breit grinsenden Buddy am Arm schaust Du Dich um: Rechts das Blau, unter Dir das Plateau. Fast bist Du traurig, dass Du morgen schon heim fliegst, aber zumindest weißt Du jetzt, wieso dieser Platz seinen Namen bekommen hat - Du fängst an zu grinsen und denkst: Bis bald, "LUCKY HELL".

Oktober 2004 - Malediven, Eriyado


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